Shantys & Seasongs

Da vermutlich nur die Wenigsten mit dem Begriff "Shanty" etwas anfangen können, soll hier einen kleinen Einblick in die Herkunft und die Charakteristiken der Lieder gegeben werden. Auch soll näher auf die verschiedenen Arten und den Unterschied zwischen traditionellen Shantys und Seemanns- liedern eingegangen werden, da "Shantys" eben nicht gleich "Shantys" sind.

Was sind Shantys?
  • Der Begriff "Shanty" (engl. "Sea Shanty") leitet sich aus dem englischen "(to) chant" oder dem französischen "chanter", was beides "singen" bedeutet, ab und bezeichnet traditionelle Arbeits-lieder von Matrosen auf Großseglern. Diese Arbeitslieder dienten der Unterstützung und Koor- dination körperlicher Arbeiten auf den Schiffen, beispielsweise beim Hieven des Ankers, beim Aufziehen der Rahen, bei Arbeiten an den Winden und Pumpen, oder beim Segel setzen und einholen. Im 19. Jahrhundert war Großbritannien die führende Seefahrtnation und zu dieser Zeit hatten Shantys Konjunktur, so dass sehr viele der bis heute überlieferten Shantys in englischer Sprache sind. Viele Shantys wurden auch durch schottische und nordeuropäische Fischer und Walfänger beeinflusst, oder durch karibische und afromarikanische Hafenarbeiter, die in den Südstaaten der USA ihre Lieder beim Beladen der Schiffe sangen. Auch die Besatzung der Handelsschiffe auf den Fernrouten nach Übersee und Ostindien brachten exotische Einflüsse in die Shantys. Gesungen wurde prinzipiell, was gefiel, so dass die Texte und Melodien sehr viele verschiedene Einflüsse aufweisen.

    Erstmals wurde 1493 in Aufzeichnungen eines Dominikanermönches, der auf einer Galeere nach Palästina segelte, über solche Arbeitslieder berichtet. Zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert verschwanden viele Shantys allerdings wieder, da zu dieser Zeit viele britische Seeleute in die Kriegsmarine gepresst wurden und auf den Kriegsschiffen Shantys verboten waren. Kommandos wurden dort durch Pfeifen weitergegeben, während bei den Shantys ein typischer Wechselgesang zwischen dem Shantyman und den antwortenden Matrosen statt- fand. Dabei wurden die Befehle gegen Wind und Wetter herausgebrüllt und der Gesang endete meist mit einem "Haul", also einem Zug am Tau. Der Gesang bestand also früher mehr aus "wildem Schreien", Instrumente wie Mundharmonika und Banjo kamen lediglich bei ruhigeren Arbeiten, beispielsweise am Gangspill, oder in der abendlichen Freizeit zum Einsatz. Neben den rhythmischen Arbeitsliedern wurden so auch viele Balladen gesungen, die beispielsweise vom harten Leben an Bord, der Sehnsucht nach der Heimat oder der Willkür der Offiziere handelten. Im 19. Jahrhundert, zur Zeit der atlantischen Segelschifffahrt, erreichten Shantys ihre Blütezeit. Mit Beginn der Industriellen Revolution verloren sie jedoch ihren praktischen Nutzen, da die aufkommenden Dampfschiffe zunehmend die Frachtsegler ersetzten und so Shantys bald nur noch zur Unterhaltung oder in der Freizeit gesungen wurden.

Welche Shanty-Arten gibt es?
  • Da es sich bei Shantys um ein Sammelsurium maritimer Lieder unterschiedlichster Einflüsse handelt, gibt es keine 100%ig korrekte und definitive Unterteilung in bestimmte Arten. Gemein ist fast allen Shantys, dass der praktische Zweck dieser Arbeitslieder im Vordergrund steht. Der Shanytman bestimmt dabei den Takt und die Matrosen fallen dann im Wechselgesang ein, wobei der Rhythmus des Shantys auch den Arbeitsrhythmus vorgibt. Entsprechend lassen sich Shantys sinnvollerweise nach der Art der Arbeit, zu denen sie gesungen wurden, einteilen. Allerdings gibt es dabei auch wieder Ausnahmen, wie die Shantys, die vornehmlich der Unter- haltung dienten. Wir orientieren uns bei der folgenden Einteilung grob an den Vorgaben der ISSA (International Shanty and Seasong Association) und deren Song-Register. Eine klare Abgrenzung zwischen den einzelnen Shanty-Arten gib es jedoch nicht, so gibt es auch viele Shantys, die zu unterschiedlichen Anlässen gesungen werden und somit in mehrere Katego- rien eingeordnet werden können.

    Shantys mit Arbeitszweck "Drücken" (heaving actions, pushing actions)

    Shantys dieser Art wurden bei langen, sich wiederholenden Arbeiten gesungen, die nur einen unterstützenden Rhythmus gebrauchten. Beispielsweise erforderte das Winden eine langan- dauernde und gleichmäßige Leistung, während des Rundumdrehens an den Spillstangen. Die Shantys dieser Kategorie sind die bekanntesten Arbeitslieder und dazu gehören:

    • Capstan-Shantys und Windlass-Shantys wurden beim Aufwickeln einer Kette oder eines Taues, oder zum Heben schwerer Lasten (beispielsweise beim Lichten oder Fieren des Ankers) an einer Winde (Spill) gesungen. Die beiden Arten unterscheiden sich namentlich dadurch, ob an der Gangspill (Capstan) mit vertikaler Welle, oder an der Bratspill (Windlass) mit horizontaler Welle gearbeitet wurde.

    • Pump-Shantys wurden bei Pumparbeiten gesungen, beispielsweise beim Abpumpen des Bilgewassers oder zum Löschen eines Feuers an Bord.

    Shantys mit Arbeitszweck "Ziehen" (hauling actions, pulling actions)

    Diese Shantys wurden gesungen, wenn mit Tauwerk an Bord gearbeitet werden musste, also beispielsweise beim Fieren oder Hieven der Falle zum Trimmen der Segel, oder dem Brassen der Rahen. Hierzu gehören:

    • Halyard-Shantys (auch Long-Haul-Shantys, Long-Drag-Shantys oder Fall-Shantys) begleiteten schwere Arbeiten über einen längeren Zeitraum, beispielsweise dem Segelsetzen. Wenn schwere Segel die Stagen hochgezogen wurde, boten die Shantys den Seeleuten eine Pause zwischen den einzelnen, nötigen Holen.

    • Hauling-Shantys (auch Short-Haul-Shantys oder Short-Drag-Shantys) wurden bei Aktionen gesungen, die von einer kurzen Dauer, aber durch großen Kraftaufwand bestimmt wurden, beispielsweise wenn ein Tau in einem kurzen, kräftigen Zug gestrafft werden musste.

    • Hand-over-Hand-Shantys wurden bei Arbeiten, die im Wechsel mit linker und rechter Hand erledigt wurden, beispielsweise dem Setzen kleinerer Segel oder das Durchholen von Tauen, gesungen.

    • Stamp 'n Go-Shantys und Walk-Away-Shantys sind besondere Arten der Halyard-Shantys, bei denen meist die komplette Decksmannschaft zum Ziehen eingesetzt wurde. Anstatt immer am selben Platz das Tau neu durchzuziehen, rennen oder marschieren alle Mann mit dem Tau in den Händen übers Deck, um es anzuspannen. Durch diese entsprechende Arbeitsweise nennt man diese Shantys Walk-Away-Shantys, manchmal aber auch Stamp 'n Go-Shantys, weil die Matrosen oft an bestimmten Stellen laut aufstampften.

    Shantys zur Unterhaltung und Freizeit

    Eine besondere Untergruppierung bilden Shantys, die in der Freizeit zur reinen Unterhaltung, bzw. Entspannung gesungen wurden und damit eigentlich keine typischen Arbeitslieder sind, die einer bestimmten Arbeit zugeordnet werden können. Hierbei steht der Rhythmus und der Wechselgesang zwischen Shantyman und Matrosen nicht so im Vordergrund und auch die besungenen Themen weichen von denen typischer Shantys ab. Dennoch unterscheidet man hierbei folgende Arten:

    • Forebitter (auch Forecastle-Shantys oder Pollerlieder) sind nach den Pollern (Fore-bitts) benannt, den pilzförmigen Eisenköpfen zum Festmachen der Taue auf der Back (Forecastle), auf denen die Matrosen gern bei gutem Wetter in der Freizeit saßen, während sie meist romatisierend das harte Leben auf See und über Liebe, Abenteuer, berühmten Männern oder einfach nur über alltägliche Dinge sangen. Hierzu zählen auch Balladen, Lieder über historische Momente und auch besinnliche, schwermütige Lieder, die oft durch Instrumente (z.B. Mundharmonika, Ziehharmonika, Fidel oder Banjo) begleitet wurden.

    • Ceremonial-Shantys wurden zu bestimmten Anlässen und Ritualen, wie etwa dem Überqueren des Äquators oder des Polarkreises (von Walfängern), gesungen. Wenn die Seeleute nach einem Monat auf See ihre Schulden abgearbeitet hatten, begangen sie beispielsweise die Zeremonie "The Dead Horse", bei welcher der gleichnamige Shanty gesungen und dabei ein pferdeähnliches Gebilde brennend der See übergeben wurde.

    • Fishersongs & Whaling-Shantys wurden, wie der schon Name erahnen lässt, von Walfängern und Fischern gesungen. Das Leben auf einem Walfänger war schlimmer als auf jedem anderen Schiff, denn die Reisen dauerten typischerweise 2 bis 3 Jahre, in denen die Matrosen den permanenten Gestank des Waltrans ertragen mussten. Außerdem konnte bei der Waljagd auch durch die Walfluke das Schiff zerschmettert und die Seeleute zum Krüppel geschlagen oder gar getötet werden. Deshalb handeln diese Lieder meist von der Schwere und Gefährlichkeit der Arbeit mit mehr oder weniger romantischen Sehnsüchten nach der Liebsten oder der Heimat. Solche Shantys, die von Sehnsüchten und Heimweh handelten, werden auch manchmal Homeward-bound-Shantys genannt.

Was ist der Unterschied zwischen Shantys und Seasongs?
  • Der Unterschied zwischen traditionellen Shantys und "normalen" Seemannsliedern liegt in der Entstehung. Shantys sind die Arbeitslieder, die an Bord der Großsegler entstanden. So griff beispielsweise ein Shantyman eine Melodie auf und textete dann spontan drauf los. Die Mat- rosen stimmen mit ein und konnten so einen gemeinsamen Arbeitsrythmus auf See finden, um die schweißtreibende Arbeit effizienter zu erledigen.

    Seemannslieder und Seasongs dagegen sind Volkslieder und auch Balladen, die von einem Komponisten (teilweise sogar von "Landratten") entwickelt und eher in der Freizeit gesungen wurden. Sie erzählen meist von Erlebnissen und Sehnsüchten der Seeleute und beschreiben ein romatisiertes Bild des harten Lebens auf See. Insofern zählen die Forebitter eigentlich nicht zu den traditionellen Shantys.


Sicher werden bei der Lektüre zur Herkunft und Art der Shantys viele Wörter unverständlich bleiben, deshalb befindet sich auf der folgenden Seite eine Erklärung zu den gängigsten seemännischen Begriffen, die in den vom ShantyChor HHU gesungenen Shantys immer wieder vorkommen. Auch das umfangreiche Repertoire, samt Zuordnung der einzelnen Shantys zur jeweiligen Art, kann dort eingesehen werden.

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